An Fotowettbewerben teilnehmen: Was ein gutes Bild wirklich ausmacht
Bei einem Fotowettbewerb überzeugen Sie nicht durch Technik allein. Ein gutes Bild hat eine Aussage, eine Haltung und zeigt Ihren unverwechselbaren Blick auf die Welt.
In diesem Artikel verrät Ihnen Fotograf Friedrun Reinhold, was Jurys wirklich suchen. Und warum es sich lohnt, das Bildmotiv auf das Wesentliche zu konzentrieren. Außerdem lernen Sie, Ihre eigene fotografische Handschrift sichtbar zu machen.
Mehr als Technik: ein Bild mit Aussage
Ein gutes Wettbewerbsbild ist mehr als eine handwerklich gelungene Fotografie. Es ist keine Übung in technischer Disziplin, sondern eine Form der Kommunikation. Wer ein Bild einreicht, sagt: »So sehe ich die Welt.« Und stellt sich damit dem Blick einer Jury, die sich immer wieder dieselbe Frage stellt: Warum gerade dieses Bild?
Es reicht nicht, das Gesehene korrekt wiederzugeben. Ein gutes Wettbewerbsbild trägt eine Idee, eine Haltung, einen Standpunkt. Es zeigt nicht nur, was fotografiert wurde, sondern warum und wie es gesehen wurde. Es hat ein Zentrum. Einen Fokus. Eine Richtung.
Jedes starke Wettbewerbsbild beginnt mit Klarheit. Es verfolgt nicht mehrere Spuren gleichzeitig, sondern konzentriert sich auf eine Aussage. Diese Klarheit kann leise oder expressiv, dokumentarisch oder abstrakt sein. Entscheidend ist, dass sie trägt. Dass sie über das Motiv hinaus etwas vermittelt: Bedeutung, Haltung, Wahrnehmung.
Dafür braucht es gestalterische Konsequenz. Nicht als Selbstzweck, sondern als Form, die dem Inhalt dient. Perspektive, Lichtführung, Kontraste, Schärfenverlauf und Farbabstimmung entscheiden mit darüber, ob ein Bild bleibt oder verschwindet. Die Jury sieht es. Und sie spürt, ob es Zufall oder Absicht ist.
Reduzieren Sie, um zu betonen
Starke Bilder zeigen nicht alles. Sie lassen weg. Sie verdichten. Denn in der Reduktion liegt oft die Kraft der Aussage. Gute Bilder sind nicht überladen, nicht erklärend, nicht bemüht. Sie sind präzise. Und sie haben Mut zur Lücke. Zum Leisen. Zur Unschärfe – nicht im optischen, sondern im narrativen Sinn. Sie stellen Fragen, statt Antworten zu liefern.
Reduktion ist keine Einschränkung, sondern eine Entscheidung gegen das Nebensächliche, gegen das Erwartbare, gegen das Dekorative. Diese Entscheidung schafft Raum für Bedeutung, für Interpretation und für Präsenz.
Ein gutes Wettbewerbsbild ist nicht nur gut fotografiert. Es ist durchdacht, präzise vorbereitet, professionell eingereicht. Das beginnt beim Upload und endet vielleicht an der Galeriewand.
Ein ausgezeichnetes Bild
Diese Fotografie überzeugt durch eine kraftvolle, grafisch präzise Inszenierung: Ein Kopf mit markanter Punkfrisur taucht in ein Wasserbecken ein, und genau an der Wasserlinie entsteht der zentrale visuelle Reiz. Die Haarspitzen spreizen sich unter Wasser wie eine Explosion, während darüber die Konturen hart und kontrolliert bleiben. Das Ergebnis ist ein dynamisches Wechselspiel aus Schwerkraft, Widerstand und Formauflösung.
Die technische Umsetzung erfordert hohe Präzision – vom Timing über die Beleuchtung bis zur absolut klaren Trennung von Wasseroberfläche und Gesicht. Dadurch wirkt das Bild gleichzeitig experimentell und souverän beherrscht. Die reduzierte Farbpalette, das feine Spiel der Luftblasen und die grafische Struktur der Haare geben der Szene eine außergewöhnliche visuelle Intensität.
Die Auszeichnung im BIPP (British Institute for Professional Photography-Jahreswettbewerb) würdigt genau diesen Ansatz: ein starkes Konzept, perfekt kontrollierte Technik und eine Bildidee, die sich sofort einprägt und weit über das reine Experiment hinaus eine eigene, ikonische Bildsprache entwickelt.
Wie Sie zu Ihrer eigenen fotografischen Handschrift finden
Was ein gutes Wettbewerbsbild wirklich auszeichnet, ist seine Eigenständigkeit. Es klingt nicht wie andere. Es zitiert nicht, es klingt. Und zwar so, dass man es nicht sofort wieder vergisst. Solche Bilder haben Tiefe, auch wenn sie auf den ersten Blick zurückhaltend wirken. Sie machen nichts nach. Sie versuchen nicht, zu gefallen. Sie versuchen zu sprechen. Und sie tun das mit einer Stimme, die gehört werden will, weil sie etwas zu sagen hat.
Diese Stimme ist die fotografische Handschrift. Sie entsteht nicht durch Kalkül, sondern durch Wiederholung, Irrtum, Ausdauer. Sie wächst langsam. Sie entwickelt sich dort, wo ein Fotograf immer wieder an denselben Themen arbeitet. Wo Motive, Stimmungen und Haltungen sich wiederholen, nicht als Muster, sondern als Spur.
Ein Portfolio zu erstellen und an Fotowettbewerben teilzunehmen gehören zu den wirkungsvollsten Wegen, um die eigene fotografische Entwicklung voranzutreiben. Beides fordert und fördert eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Bildsprache, dem persönlichen Blick und der künstlerischen Haltung. »Das gute Bild« von Friedrun Reinhold richtet sich an alle, die mehr als gelungene Einzelbilder wollen – und den Mut entwickeln möchten, neue Wege zu gehen.
Übung: Machen Sie Ihre fotografische Handschrift sichtbar
Ziel: eigene Themen, Ausdrucksmittel und wiederkehrende Motive als Grundlage für eine eigenständige Wettbewerbsarbeit identifizieren
Schritt 1: Portfolioreflexion
- Wählen Sie 10 Bilder aus Ihrem bisherigen Portfolio, auf die Sie besonders stolz sind.
- Legen Sie sie nebeneinander aus (digital oder als Ausdrucke), und beantworten Sie diese Fragen:
- Welche Themen kehren wieder? (z. B. Einsamkeit, Struktur, Beziehung, Vergänglichkeit)
- Welche gestalterischen Mittel nutzen Sie häufig? (z. B. Zentralperspektive, natürliches Licht, Unschärfen, Farbreduktion)
- Welche Stimmung transportieren die Bilder? (z. B. melancholisch, klar, ironisch, distanziert, poetisch)
Tipp: Fragen Sie auch andere (Kollegen, Kuratoren, Freunde mit fotografischem Verständnis), was sie als »typisch für Ihre Bilder« empfinden. Oft sehen Außenstehende Muster, die einem selbst verborgen bleiben.
Schritt 2: Konkretisierung
- Schreiben Sie drei Sätze, die Ihre fotografische Handschrift beschreiben:
- Welche Themen interessieren Sie?
- Wie nähern Sie sich diesen Themen visuell?
- Was möchten Sie mit Ihrer Fotografie mitteilen?
Beispiel: »Mich interessieren urbane Zwischenräume und das Unsichtbare im Alltäglichen. Ich arbeite bevorzugt mit natürlichem Licht und reduzierter Farbigkeit. Meine Bilder sollen Fragen stellen, keine Antworten geben.«
Schritt 3: Umsetzungsidee für einen Wettbewerb
- Wählen Sie ein aktuelles oder vergangenes Wettbewerbsthema, das Sie reizt.
- Notieren Sie:
- Was bedeutet dieses Thema für Sie persönlich?
- Wie können Sie es in Ihrer Sprache erzählen, nicht in der der anderen?
- Welche Ihrer Mittel, Motive oder Themen passen dazu?
Ziel ist nicht die schnelle Umsetzung, sondern die bewusste Entscheidung: Wie würden Sie dieses Thema sehen und nicht die Konkurrenz?
Die Texte und Bilder auf dieser Seite stammen aus dem Buch »Das gute Bild – Die eigenen Fotos mit anderen Augen sehen«.
Texte und Bilder: © Friedrun Reinhold
Friedrun Reinhold
Friedrun Reinhold hat sich Ende der 1980er als freier Fotograf in Hamburg selbständig gemacht, mit Schwerpunkt Porträtfotografie. Seine Werke wurden und werden in zahlreichen Ausstellungen präsentiert.
Der international vielfach ausgezeichnete Fotograf gibt Workshops und Masterclasses, schreibt Fachbücher, ist Autor für Zeitschriften und hatte seit 2004 viele Jahre einen Lehrauftrag in Karlsruhe. Er war Chairman der internationalen Jury des IPQ beim Bund professioneller Porträtfotografen.
Mehr erfahren Sie auf Friedrun Reinholds Website.
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