Hans-Peter Schaub ist promovierter Biologe, Fotograf, Fotojournalist und seit 2001 Chefredakteur der NaturFoto. Er ist Autor von Lehrbüchern und Artikeln über die Naturfotografie, leitet Workshops zu naturfotografischen Themen, produziert Filme für FotoTV. und präsentiert seine Arbeiten in Ausstellungen und bei Vorträgen. Die Fotografie und sein großes Interesse für die Natur verbinden sich so zu seinem persönlichen Traumberuf. Mehr über seine Arbeit erfahren Sie auf Hans-Peter Schaubs Website.
Pilze im Wald fotografieren
Wenn im Herbst die Blätter orange-gelb werden und warmes Licht durch die Bäume fällt, sind Pilze ein beliebtes Fotomotiv. Doch worauf kommt es technisch an, wenn Sie Pilze fotografieren? Und wie gelingt es Ihnen, ein bestimmtes Exemplar kreativ in Szene zu setzen?
In diesem Artikel zeigt Ihnen der Naturfotograf Hans-Peter Schaub, wie Sie in der Pilzfotografie experimentieren – mit bewusst gewählter Perspektive, Blende und Lichtführung. Sie lernen, warum es sich oft lohnt, die Kamera auf den Boden zu legen, wie Sie mit einer Taschenlampe die Lichtstimmung verändern und wie Sie einen Pilz in einer Bildserie unterschiedlich inszenieren.
Pilzfotografie: Perspektive, Licht und Schärfe gezielt einsetzen
Vor allem im Herbst sprießen nach Regenperioden überall Pilze aus dem Boden. Diese machen es Ihnen in vieler Hinsicht leicht: Sie laufen nicht weg, und auch ein leichter Windhauch vermag zumindest die größeren Exemplare nicht zu erschüttern.
Etwas schwierig ist es beim Pilze fotografieren allerdings, den richtigen Aufnahmestandpunkt zu finden. Schräg von oben ist nur selten vorteilhaft und allenfalls akzeptabel, wenn es darum geht, eine größere Ansammlung von Pilzen zu zeigen. Günstiger ist es meist, die Kamera direkt auf den Boden zu legen oder, bei Pilzen, die zum Beispiel auf Baumstrünken wachsen, sich auch da auf »Augenhöhe« zu begeben. Sehr oft gestatten es die Pilze, dass man sich um sie herum bewegen kann und dadurch bei der Wahl des Hintergrunds einigermaßen flexibel ist.
Nutzen Sie die kreativen Gestaltungsmöglichkeiten
Auch die Ausleuchtung kann ganz nach Wunsch erfolgen. So kann man dank Stativ ohne Weiteres mit den sich im Waldesinneren oft ergebenden langen Belichtungszeiten leben, andererseits aber beispielsweise auch mit Blitzlicht oder einer Taschenlampe Akzente setzen. Man kann die Blende ganz schließen, um möglichst alle Teile des Pilzkörpers scharf abzubilden, oder man entscheidet sich, die Schärfe nur auf ein Detail zu legen, beispielsweise den Hutrand.
Habe ich einen attraktiven Pilz entdeckt, so versuche ich, möglichst viele unterschiedliche Bilder von ihm zu machen. Mal klar, scharf und »bestimmungsbuchtauglich«, mal bei offener Blende aus dem umgebenden Chaos freigestellt.
Hans-Peter Schaub
Praxisbeispiele: Pilzesammeln mit der Kamera
An sechs Beispielen aus meiner Fotopraxis möchte ich Ihnen zeigen, wie vielfältig die Pilzfotografie sein kann. Variieren Sie bei Ihrem nächsten Waldspaziergang doch einmal das Licht, die Perspektive oder die Blende Ihrer Kamera – Sie werden schnell feststellen, dass sich Ihnen zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten bieten.
Pilz mit Fliege
100 mm | APS-C | 0,3 s | f/2,8 | ISO 100 | +0,3 LW
Eigentlich sollten nur die zarten, kleinen Pilze mein Motiv sein. Ich war aber auch nicht böse, als die Fliege auf einem der Pilzhüte landete, zumal sie mich dann auch direkt anzuschauen schien. Das Tier ist nur klein im Bild, zieht aber gleichwohl die Aufmerksamkeit auf sich.
Für solche Bilder lege ich die Kamera direkt auf den Waldboden. Nur so ist der hier wünschenswerte tiefe Standpunkt zu erreichen. Zudem kann man so auch ohne Stativ praktisch beliebig lange Belichtungszeiten verwenden.
Erdstern
15 mm | KB | 0,6 s | f/11 | ISO 100 | –1 LW | Platypod-Bodenstativ | Taschenlampe
Sie sind nicht bunt und oft schwer zu finden – Erdsterne zählen dennoch zu meinen Lieblingspilzmotiven. Diesen hier habe ich mit einem 15-mm-Weitwinkel-Makroobjektiv abgebildet. Die Frontlinse ist dabei nur wenige Zentimeter vom Pilz entfernt. So kann ich ihn recht groß abbilden und gleichzeitig das Umfeld, den düsteren Wald, ins Bild einbeziehen.
Um den Kontrast zwischen Pilz und Wald zu betonen, habe ich den Pilz mit einer Taschenlampe beleuchtet, deren warmer Farbton einen interessanten Gegensatz zum kühl-grünlichen Umfeld erzeugt.
Pilz auf Pilz
100 mm | APS-C | 1/6 s | f/3,5 | ISO 100 | Platypod-Bodenstativ | Focus Stack aus 25 Aufnahmen
Der links im Bild zu sehende Pilz ist von einem Schimmelpilz befallen. Um dessen sperrige Struktur in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen, habe ich mich hier für einen Focus Stack entschieden.
Bei nahezu offener Blende habe ich 25 Bilder mit jeweils leicht unterschiedlicher Fokussierung gemacht. Das genügte, um alle relevanten Bereiche des Motivs scharf zu erfassen.
Gleichzeitig bleibt, dank der großen Blendenöffnung, der Hintergrund homogen und unscharf. So hebt sich das Motiv gut ab.
Mischlicht
35 mm | APS-C | 1/50 s | f/2,8 | ISO 100
Vom Waldrand dringt zwar etwas Licht auf den Boden, mir reichte das aber nicht aus und so habe ich den Pilzhut mit einer Taschenlampe von vorne oben angestrahlt. Die Lichtwirkung bleibt plausibel und natürlich.
Durch die auf dem Waldboden liegende Kamera erreiche ich die hier gewünschte tiefe Aufnahmeposition. Die relativ kurze Brennweite von 56 mm (Kleinbildäquivalent) sorgt dafür, dass der Hintergrund mit den vielen Lichtreflexen gut zur Geltung kommt.
Schattenpilze
100 mm | KB | 1/4 s | f/18 | ISO 400 | –0,3 LW | Taschenlampe
Vor die beiden kleinen Pilze habe ich ein größeres, braunes Buchenblatt gestellt und die Szene dann von hinten mit einer Taschenlampe beleuchtet. So werden die Pilze als Schattenriss auf das Buchenblatt projiziert, dessen feine Struktur dem Bild einen zusätzlichen interessanten Akzent verleiht. Die Kamera liegt direkt auf dem Waldboden.
Herbstliches Festmahl
100 mm | APS-C | 1/60 s | f/8 | ISO 800 | +1 LW | Blitz
Dieser Hainlaufkäfer hat in einem vergammelten Pilz eine Unmenge von Fliegenmaden entdeckt und verzehrt in aller Ruhe eine nach der anderen. Dabei ließ er sich durch mich nicht stören und so konnte ich den stattlichen Käfer in Ruhe porträtieren.
Da es am Waldboden sehr dunkel war und sich der Käfer bei der Mahlzeit ständig bewegte, war in diesem Fall ein Blitz unverzichtbar. Den habe ich seitlich eingesetzt – losgelöst von der Kamera.
Hans-Peter Schaub führt Sie in heimische Landstriche und zeigt Ihnen, dass überall um Sie herum Naturmotive zu finden sind – ob Sie bevorzugt Landschaften, Tiere oder Pflanzenmakros fotografieren. Sein Buch »Naturfotografie - Die große Fotoschule« inspiriert Sie mit wunderschönen Bildern zu Ihren eigenen Fotografien und liefert wichtige Praxistipps.
Exkurs: So nutzen Sie eine Taschenlampe in der Makrofotografie
Licht kann in der Makrofotografie zur Mangelware werden. Insbesondere, wenn die Motive ein gewisses Maß an Schärfentiefe erfordern und man dazu das verwendete Objektiv mehr oder weniger stark abblenden muss, bleibt kaum eine Alternative zu künstlichen Lichtquellen.
Zudem lässt sich künstliches Licht wie im Studio auch sehr gezielt einsetzen, um bestimmte Wirkungen zu erzielen. Es ist demnach auch ein vielseitiges Gestaltungsmittel. In diesem Exkurs zeige ich Ihnen, wie Sie eine kleine Taschenlampe zur gezielten Lichtführung und Ausleuchtung im Nahbereich einsetzen.
Ein Pilzmotiv in sehr unterschiedlichen Lichtsituationen
100 mm | APS-C | 0,3–1/25 s | f/2,8 | ISO 100 | Bodenstativ | Taschenlampe
Abgesehen vom bei reinem Tageslicht aufgenommenen Bild der Pilze habe ich lediglich eine kleine Taschenlampe verwendet, die aus unterschiedlichen Richtungen auf das Motiv strahlt. Die Kamera ist dabei auf einem Platypod-Bodenstativ montiert und so habe ich die Hände frei, um die Taschenlampe in unterschiedliche Positionen zu bringen. Der Weißabgleich ist bei allen vier Aufnahmen identisch auf 4500 Kelvin eingestellt.
Pilze im natürlichen Licht
Taschenlampe von rechts oben. Das Licht trifft auf rötliches Herbstlaub im Hintergrund links.
Die Taschenlampe wurde auf das rötliche Herbstlaub im Hintergrund links gerichtet.
Gegenlicht durch herbstliches Laub. Die Taschenlampe liegt hinter den Pilzen im Laub und strahlt durch rötliche Blätter hindurch.
Taschenlampe statt Sonnenlicht: Pilze jederzeit perfekt ausleuchten
Ideale Motive für diese Art der Ausleuchtung im Nahbereich sind Pilze, Mineralien und Pflanzen. Ohne befürchten zu müssen, dass die anvisierten Motive die Flucht ergreifen, kann man sich in aller Ruhe an die optimale Ausleuchtung heranarbeiten, kann Streif-, Auf-, Frontal- oder Gegenlicht setzen und wird dabei feststellen, wie erstaunlich sich ein Motiv mit wechselnden Lichtsituationen verändert.
In wenigen Minuten lassen sich so ohne Probleme die Lichtbedingungen des gesamten Tagesverlaufs simulieren. Das kann in manchen Fällen sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, lang gehegte Bildträume Wirklichkeit werden zu lassen. Viele Blumen, aber auch Pilze haben eine eng begrenzte Blüh- oder Lebensdauer. Nicht immer ergibt sich in dem zur Verfügung stehenden Zeitfenster genau die Lichtsituation, die man sich für das jeweilige Motiv vorgestellt hat.
Zuweilen lässt auch der Standort des Gewächses – beispielsweise mitten im Wald – nicht zu, dass die Sonne so einfällt, wie gewünscht. Die Taschenlampe hingegen liefert immer Licht. Die Einfallsrichtung und den Winkel kann man selbst bestimmen.
Die Texte und Abbildungen auf dieser Seite stammen aus dem Buch »Naturfotografie – Die große Fotoschule«. Texte und Bilder: © Hans-Peter Schaub
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