Licht ist in der Fotografie das A und O

Licht in der Fotografie Weißabgleich, Licht und Schatten, Available Light

Licht und Schatten sind die wichtigsten Gegenspieler in der Fotografie. Erst durch sie werden Strukturen und Formen sichtbar. Erkennen Sie verschiedene Lichtsituationen, um Ihre Motive ins rechte Licht rücken zu können. Dieser Artikel fokussiert auf das natürliche Licht. Denn bevor Sie anfangen, mit künstlicher Beleuchtung zu arbeiten, sollten Sie sich mit dem natürlichen Licht auseinandergesetzt haben.

1. Weißabgleich: Klares Weiß und schöne Farben

Tageslicht hat über den Tag verteilt unterschiedliche Farbnuancen. Wenn Ihre Kamera den Unterschied der Lichtfarbe nicht berücksichtigen würde, erhielten Sie Bilder mit einem Farbstich, die wenig realistisch wirken würden. Der Weißabgleich passt die Farbdarstellung Ihrer Digitalkamera an die Lichtfarbe an und gleicht diesen Farbstich weitgehend aus.

Der automatische Weißabgleich der Kamera versucht, selbstständig zu erkennen, welche Lichtsituation vorliegt. Sie können der Kamera auch mitteilen, unter welchen Lichtbedingungen Sie gerade fotografieren. Damit stellen Sie den Weißabgleich – englisch: White Balance (WB) – per Kameraprogramm ein: Sonnenlicht, Bewölkung, Schatten, Kunstlicht etc. Dazu finden Sie im Menü Ihrer Kamera verschiedene Piktogramme, die die unterschiedlichen Beleuchtungsarten beziehungsweise Lichtverhältnisse repräsentieren. Daneben erscheinen meist Angaben zur Farbtemperatur. Sie wird in der Einheit Kelvin erfasst – in den Menüs oft mit »K« abgekürzt. Mit Hilfe einer Farbtemperatur lässt sich das jeweilige Licht mit seinen Charakteristika gut beschreiben.

Die Sonne und das Licht im Tagesverlauf

Die Farbtemperatur im Tagesverlauf, aus dem Buch »Digital fotografieren lernen« von Dietmar Spehr

Beim Weißabgleich findet eine Neutralisierung statt: Das bei sonnigem Tageslicht zur Mittagszeit ausgeglichene Lichtspektrum (bei 5500 Kelvin) wird dazu in Richtung der fehlenden Farbanteile verschoben. Bei einer kühlen Farbtemperatur von 3200 Kelvin dominieren die Rottöne, es fehlt der blaue Bereich des Lichts. Wenn Sie an der Kamera die Einstellung »Kunstlicht« (3200 Kelvin) wählen und die Aufnahme tatsächlich bei Kunstlicht machen, erscheinen die Farben Ihres Fotos korrekt. Die Kamera betont die blauen Farbtöne, und das Bild entspricht dem natürlichen Seheindruck.


Eine Farbverschiebung tritt auf, wenn die Einstellung für den Weißabgleich nicht mit den Lichtverhältnissen übereinstimmt. Bei niedrigen Farbtemperaturen geht der Farbstich ins Bläuliche, bei hohen Farbtemperaturen ins Gelblich-Rötliche. Mit dem Wissen über die zuvor beschriebene Neutralisierung können Sie sich diesen Effekt leicht erklären: Wenn Sie die Einstellung »Kunstlicht« (3200 Kelvin) bei Sonnenlicht vornehmen, erfolgt eine Anhebung der blauen Farbanteile. Ihr Bild bekommt einen kühlen Look.

Verschiedene Einstellungen für den Weißabgleich

Winterstimmung am See mit unterschiedlichen Einstellungen für den Weißabgleich – von Dietmar Spehr
[70 mm | ƒ5,6 | 1/250 s | ISO 100]

Tipp: Nutzen Sie den Weißabgleich kreativ! Bei der Aufnahme einer Winterlandschaft wie im Foto oben betonen Sie über einen gezielt falschen Weißabgleich auf »Kunstlicht« die (bläuliche) Kälte des Schnees. Kommt es Ihnen eher darauf an, die (rötliche) Abendstimmung – wie bei einem Sonnenuntergang in der sogenannten Goldenen Stunde – hervorzuheben, führt die Einstellung »Schatten« zum Ziel.


Ein Hinweis zum manuellen Weißabgleich:
Bei einem manuellen Weißabgleich zeigen Sie der Kamera »direkt am Set« eine weiße Fläche, und das Gerät erkennt, welche Farbtemperatur die richtige ist. Dadurch werden alle Farben in dieser Lichtumgebung korrekt wiedergegeben.

2. Lichtqualität: diffuses, weiches und hartes Licht

Egal, ob natürliches oder künstliches Licht, es gibt drei Hauptformen, in denen Licht in Erscheinung treten kann. Sie unterscheiden sich nicht zwangsläufig in ihrer Helligkeit, sondern vielmehr in ihrem Charakter. Die Fotos aus diesem Kapitel stammen von Christian Westphalen aus dem Buch »Die große Fotoschule«.

Diffuses Licht


Diffuses Licht

Wenn Licht so stark gestreut ist, dass Sie keine Lichtrichtung mehr ausmachen können, nennt man es »diffus«. Eine dichte Bewölkung streut das Sonnenlicht so stark, dass Sie nicht mehr sehen können, wo die Sonne steht. Stattdessen gibt die gesamte Wolkendecke ein weiches Licht ab, das zum Teil vom Boden wieder zurückgeworfen wird. So ›fliegt‹ das Licht um die Objekte herum, und Sie werden praktisch keinen Schattenwurf feststellen. Allerdings gibt es leichte Helligkeitsunterschiede, die ausreichen, um Motive räumlich erscheinen zu lassen.

Weiches Licht


Weiches Licht

Weiches Licht äußert sich durch seine sanften Schatten mit unscharfen Konturen. Es entsteht durch große Lichtquellen. Eine dünne Bewölkung beispielsweise sorgt für gerichtetes und doch weiches Licht in Ihrem Bild. Ein großes Fenster an einem bedeckten Tag erzeugt in seiner Nähe ein wundervolles weiches und lebendiges Licht.

Praxistipp: Eine Softbox im Studio


Eine Softbox im Studio erzeugt ein vergleichbar weiches Licht wie ein Fenster. Das Fenster aber bildet die Außenwelt wie eine unscharfe Lochkamera in den Innenraum ab. Das Licht ist dadurch räumlicher und farbiger als bei einer Softbox, die nur weiß blitzt. Wenn Sie eine Person nah an einem Fenster positionieren, erhalten Sie ein schönes weiches Porträtlicht mit einem Helligkeitsabfall zum Hintergrund hin.

Hartes Licht


Hartes Licht

Hartes Licht wirft scharf konturierte Schatten. Es kommt von einer im Verhältnis zur Entfernung kleinen Lichtquelle. Auch die Sonne liefert trotz ihrer Größe an einem klaren Tag hartes Licht, weil sie aufgrund ihrer Entfernung zur Erde nur ein kleiner Punkt ist.

Hartes Licht arbeitet Formen und Texturen gut heraus, sorgt für brillante Farben und räumliche Tiefe. Es erzeugt einen starken Kontrast und setzt daher eine sorgfältige Belichtung voraus, damit Lichter und Schatten noch Zeichnung behalten. Hartes Licht ist anspruchsvoll bei der Lichtführung: Bei Porträts ergeben sich schnell störende Schatten neben der Nase oder in den Augenhöhlen, wenn die Lichtrichtung nicht stimmt.

Ein Hinweis zum künstlichen Licht: Auch beim Einsatz von Dauerlicht oder Blitzlicht sollten Sie die Lichtqualität steuern und auf die gewünschte Bildwirkung abstimmen. Ohne weiteres Zubehör erhalten Sie durch die kleine Lichtquelle ein hartes Licht mit starken Kontrasten. Setzen Sie einen Diffusor ein, der das harte Licht streut, wenn Sie sanfte Kontraste und eine weiche Bildwirkung erzielen möchten. Als einfacher Diffusor eignet sich bereits ein Stück Stoff, das zwischen Ihr Dauerlicht oder Blitzgerät und das Motiv gespannt ist.

Aufheller unterwegs


Porträt im Freien

Der Skipper mit einem Papier und einer Taschenlampe von links aufgehellt. Kein teures Profitool, doch sehr effektiv. Aus: »Licht – Die große Fotoschule« von Eib Eibelshäuser [56 mm | ƒ1,2 | 1/40 s | ISO 400]

Wenn die Lichtverhältnisse mit natürlichem Licht einmal nicht ausreichen, empfiehlt sich ein denkbar einfacher Trick:

Für ein schnelles Porträt im Urlaub werden Sie keine professionellen Reflektoren dabeihaben, mit denen Sie Licht in die dunklen Bereiche des Bildes lenken können. Als sehr gute Methode, um ein Porträt aufzuhellen, hat sich ein einfaches Blatt weißes Papier oder ein weißes Tuch bewährt. Das können Sie bei Bedarf sogar selbst festhalten, während Sie mit der anderen Hand Ihr Foto machen.

Wenn Sie im Freien zusätzlich zu Ihrem Aufheller eine Taschenlampe einsetzen, erzielen Sie Ergebnisse wie im Foto oben. Dieses Setting empfiehlt sich für die Dämmerungsstunden, gegen eine helle Sonne haben Sie mit Ihrer künstlichen Beleuchtung wenig Chance. Spannend dabei ist, dass der Betrachter das Kunstlicht stärker wahrnimmt als das Umgebungslicht. Das macht die Aufnahme in ihrer Wirkung deutlich stärker als nur der Einsatz von Tageslicht. Achten Sie hierbei darauf, dass die Taschenlampe annähernd die Farbtemperatur von Tageslicht hat. Verwenden Sie eine gute LED-Lampe.

In unserem Praxisbuch zum Licht in der Fotografie sowie in unseren Fotoschulen lernen Sie die Fotografie und die technischen Zusammenhänge von der Pike auf. Mit dem Know-how aus diesem Artikel und aus unseren Büchern beginnt der kreative Teil: Gestalten Sie Ihr Bild mit Licht und Schatten!

3. Lichtrichtungen: frontal, seitlich und mehr

Jede Richtung des Lichts hat besondere Eigenschaften und eignet sich für unterschiedliche Aufnahmen. Wirklich »schlechtes« Licht gibt es nicht, denn für irgendein Motiv passt es immer. Bei manchen Lichtrichtungen ist es nur etwas einfacher, interessante Bilder aufzunehmen. Die Fotos zu den Lichtrichtungen stammen aus »Die große Fotoschule« von Christian Westphalen.

Frontales Licht


Frontales Licht

Fällt das Licht von vorn, also aus Richtung der Kamera, auf das Motiv, ist es praktisch schattenlos, weil die Schatten hinter das Motiv fallen. Die Ausleuchtung ist flach und der räumliche Eindruck stark verringert. Wenn die Sonne eher tief steht, sollten Sie aufpassen, dass Ihr eigener Schatten nicht mit aufs Bild gerät. Oder Sie bauen ihn so ein, dass er die gewünschte Bildwirkung nicht stört oder vielleicht sogar Teil der Gestaltung wird. So steuert Ihr langer Schatten bei niedrigem Sonnenstand die Blickrichtung des Betrachters in die Tiefe. Frontales Licht eignet sich, um Motive zu vereinfachen, sie flächiger und grafischer zu machen. Verwenden Sie frontales Licht in der Beautyfotografie, um Augen und Mund hervorzuheben und ein helles Gesicht ohne Schatten zu erhalten.

Seitenlicht


Seitenlicht

Seitenlicht ist das am häufigsten verwendete Licht in der Fotografie. Es scheint seitlich auf das Motiv und betont seine Räumlichkeit durch einen mehr oder minder starken Schattenwurf. Die Lichtquelle scheint nicht direkt ins Objektiv, sodass Seitenlicht in Bezug auf Streulicht und Blendenflecke unkritisch ist.

Streiflicht


Streiflicht

Beim Streiflicht trifft das Licht in einem sehr flachen Winkel auf die Oberfläche, sodass selbst flachste Erhebungen bereits deutliche Schatten werfen. Streiflicht eignet sich ideal, um die Textur einer Oberfläche herauszuarbeiten. Während Streiflicht eine enorme plastische Wirkung hat und oft Dramatik erzeugt, hebt es auch kleine Fehler stark hervor und kann bei kleinteiligen Motiven sehr unruhig wirken.

Gegenlicht


Gegenlicht

Gegenlicht kommt von einem Punkt hinter dem Motiv und scheint in Richtung der Kamera. Wenn das Motiv die Lichtquelle nicht verdeckt, scheint sie direkt ins Objektiv und kann dort Überstrahlungen, Blendenflecke und Streulicht hervorrufen. Außerdem ist der Kontrast sehr hoch, weil die Lichtquelle und die Schattenbereiche gleichzeitig auf dem Bild erscheinen.

Gegenlicht schafft Reflexionen sowie Schatten und dramatisiert den Bildinhalt. Das Licht wird zum Teil des Motivs. Wenn Sie durchscheinende Motive wie Dampf, Rauch, Spinnweben oder zarte Vegetation zum Leuchten bringen möchten, eignet sich Gegenlicht am besten.

Ein Hinweis zur Belichtung bei Gegenlicht: Bei der Belichtungsmessung müssen Sie oft eingreifen und sich entscheiden, ob Sie das Motiv als Silhouette oder gut ausgeleuchtet gegen einen hellen Hintergrund aufnehmen möchten.

Praxistipp: Schräges Licht von hinten in der Foodfotografie


Schräges Licht von hinten in der Foodfotografie


Eine sehr beliebte Lichtrichtung in der Foodfotografie ist der Mittelweg zwischen Seitenlicht und Gegenlicht. Dabei macht man sich die einfachere Handhabung von Seitenlicht zunutze und profitiert von der Dramatisierung durch das Gegenlicht. Testen Sie diese Lichtrichtung unbedingt aus, wenn Ihnen Seitenlicht bei Ihrer Aufnahme zu schlicht erscheint und Sie etwas mehr Pepp ins Bild integrieren möchten.

Das Bild ist von Maria Panzer aus dem Buch »Foodfotografie – Genuss und Lifestyle in Szene setzen«

Lesetipp zum Thema: Foodfotografie: Alles, was Sie für gute Food-Fotos wissen müssen

4. Fotografieren mit Available Light

Streng genommen bedeutet Available Light das Fotografieren mit vorhandenem Licht, doch es ist längst zu einem eigenen Fotogenre geworden. Available Light kommt beispielsweise in der Konzertfotografie zum Einsatz. Natürlich fotografieren Sie ohne Blitz oder andere zusätzliche Lichtquellen, um die Lichtstimmung und die vorhandene Beleuchtung nicht zu zerstören. Auch das große Feld der Reportagefotografie bedient sich dieses Genres. Grundsätzlich finden Sie die Available Light-Fotografie immer an Orten, an denen der Fotograf mit der Kamera nicht auffallen soll. Auf den Punkt gebracht: Available Light bedeutet für Sie das Fotografieren unter schwierigen Lichtverhältnissen.

Available Light

Gespräch im Zwielicht. Der »Lichtgang« führt das Auge an den hellen Bildstellen entlang der Kühlgeräte bis zur Eingangstür. Der Kontrast zweier Geschichten, leicht im Licht und schwer im Dunkel, macht den Reiz dieser Aufnahme aus. Von Eib Eibelshäuser aus »Licht – Die große Fotoschule« [21 mm (28 mm im Kleinbildformat) | ƒ4 | 1/90 s | ISO 160]

Available Light ist technisch anspruchsvoll: der ISO-Wert, also die Lichtempfindlichkeit, steigt stark und das Bild neigt zum Rauschen, die Belichtungszeit wird so lang, dass aus der Hand fotografiert ein Verwackeln droht. Beachten Sie folgende Tipps:

  • Nutzen Sie ein lichtstarkes Objektiv.
  • Probieren Sie aus, bis zu welcher ISO-Einstellung Ihre Digitalkamera noch ein vernünftiges Rauschverhalten zeigt.
  • Testen Sie, welche Verschlusszeit Sie aus der Hand fotografieren können, ohne zu verwackeln. Verwenden Sie im Zweifel ein Stativ.
  • Nutzen Sie am besten einen Kabelauslöser, um beim Auslösen keine Vibrationen auf die Kamera zu übertragen.
  • Falls möglich, aktivieren Sie an der Kamera die Spiegelvorauslösung. Mit dieser Funktion verebbt die Vibrationen des Spiegelschlags, bevor die Bildaufzeichnung beginnt.

ISO-Wert? Belichtungszeit? Die technischen Zusammenhänge finden Sie auf unserer Infoseite Technische Grundlagen der Fotografie.

In geringem Umfang können Sie in der anschließenden Bildbearbeitung eine leichte Aufhellung Ihres Bildes erzielen. Das Rauschen im Bild, also störende Pixel, begrenzen diese Möglichkeit. Ihre Software zur Bearbeitung der Fotos wird einen Rauschfilter haben, den Sie soweit einsetzen können, dass Ihr Bild nicht künstlich und weichgezeichnet aussieht.

Noch ein Tipp, um unauffällig zu fotografieren: Kürzere Brennweiten als 35 mm fallen weniger auf und haben den großen Vorteil, dass Sie als Fotograf einfacher die gesamte Szene aufnehmen, wenn Sie einmal »blind« fotografieren müssen.


Leseempfehlung: In unserem Artikel Fotografieren lernen für Anfänger finden Sie praktische Tipps für eine gute Bildgestaltung – vom Goldenen Schnitt bis zum Lenken des Betrachters durch Linien im Bild.


In unserem Praxisbuch zum Licht in der Fotografie sowie in unseren Fotoschulen lernen Sie die Fotografie und die technischen Zusammenhänge von der Pike auf. Mit dem Know-how aus diesem Artikel und aus unseren Büchern beginnt der kreative Teil: Gestalten Sie Ihr Bild mit Licht und Schatten!