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Gehirn auf Farbverlauf

Farbpsychologie verstehen: Wie Farben unsere Wahrnehmung und Emotionen beeinflussen

Farben wirken – oft stärker, als uns bewusst ist. Sie beeinflussen unsere Wahrnehmung, unsere Emotionen und sogar unsere Entscheidungen. Die Grundlagen der Farbpsychologie helfen Kreativen, zu verstehen, warum das so ist. Denn gerade im Design spielt die Farbwahl eine zentrale Rolle. Sie bestimmt maßgeblich, wie Inhalte wahrgenommen werden.

Wie genau Farben wirken und wie Farbe und Psychologie zusammenhängen, zeigen Ihnen die Designerin Monika Heimann und der Werbepsychologe Michael Schütz in diesem Artikel. So lernen Sie, für Ihre Designprojekte gezielt die passenden Farben auszuwählen.

Grundlagen der Farbwirkung und ihrer psychologischen Bedeutung

Ausgehend von Kandinskys Systematik werden im Folgenden weitere Farblehren und Befunde aus verschiedenen empirischen Studien herangezogen. Vor allem auch weil Kandinsky bei seiner Erkenntnisgewinnung nicht empirisch oder experimentell vorgegangen ist, sondern aus der eigenen erfahrenen Anschauung heraus.

Empirische Forschung ist im Bereich Farbwirkung jedoch eher selten. Es gibt aber inzwischen viele Erkenntnisse aus der Kunsttherapie darüber, welche psychologische Bedeutung eine bestimmte Farbwahl haben kann.

Psychologische Qualitäten von Farben an sich

Die psychischen Qualitäten Warm und Kalt sowie Exzentrisch und Konzentrisch nehmen sich das körperliche Erleben zum Vorbild: der Mensch als Maß. Warm und Kalt kommen aus dem Tastsinn und entsprechen dem körperlichen Temperaturempfinden. Exzentrisch und Konzentrisch sind Erlebensqualitäten, die aus der Bewegung und dem Gleichgewichtssinn stammen. Konzentrisch kann hier auch in Analogie zur Schwerkraft und Exzentrisch als Fliehkraft verstanden werden.

Farben nach den Dimensionen nach Kandinsky

Kandinsky beschreibt die Wirkung der verschiedenen Farben anhand von zwei Bewegungsdimensionen:

Farbdimensionen nach Kandinsky
  1. Warm/Kalt und
  2. Exzentrisch (nach außen)/Konzentrisch (nach innen)

Unter warm und kalt kann sich sicher jeder etwas vorstellen. Exzentrisch oder konzentrisch meint, ob die Wärme oder Kälte eher aus dem Zentrum kommend nach außen strahlt, sich den Betrachtenden also zu nähern scheint, oder ob sie eher so wirkt, als würde sie sich scheinbar von außen nach innen in sich zurückziehen, also von den Betrachtenden entfernen.

Mischt man Schwarz zu einer Farbe hinzu, verstärkt sich in der Regel die konzentrische Wirkung sowie der Eindruck von Beständigkeit und Schwere. Bei der Beimischung von Weiß verstärkt sich die exzentrische Wirkung und der Eindruck von Leichtigkeit. Gleichzeitig wirken die aufgehellten Farben auch mitunter zarter und verletzlicher.

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Die drei Grundfarben

Im Folgenden sehen wir uns die Farbwirkung der einzelnen Farben auf der Basis von Kandinskys Dimensionen genauer an.

 

Gelb: warm und exzentrisch

Gelb ist die Farbe, die am meisten strahlt. Sie erhält durch ihr Leuchten eine positive verheißungsvolle Kraft. Die Wärmewirkung von Gelb ist jedoch eher beißend grell als kuschelig weich.

Gelb mit Verlauf

Die Strahlkraft scheint beim Gelb in die Umgebung auszuströmen und sich in größerer Entfernung zu zerstreuen. Es drängt expansiv aus sich heraus. Gelb bewegt sich auf die Betrachtenden zu. Das kann jedoch auch bis hin zur frechen Aufdringlichkeit reichen.

Der Hang zum Zerstreuen verleiht Gelb auch den Charakter von Leichtsinnigkeit, so als würde es sich nach seinen Seiten hin leichtsinnig selbst verbrauchen. In negativer Hinsicht ist Gelb daher alles andere als beruhigend, sondern regt eher an, kann sogar als unerträglich explosiv empfunden werden, oder man könnte auch sagen: schrill und schreiend. Zudem fehlt es Gelb in seiner Zerstreutheit an Substanz und Halt. Zu den Attraktoren der Grundprinzipien der Wirkung passt Gelb am besten zum Erweitern und Einwirken.

Gelb verschwindet durch Hinzufügen von Schwarz schnell komplett und wirkt dann olivgrün und leicht kränklich, so als hätte man der energetischen Strahlung die Kraft entzogen. Ein dunkles Gelb muss immer noch vergleichsweise hell sein, um überhaupt noch gelb zu sein. Mit Weiß vermischt gewinnt es zunächst an Strahlkraft, verliert sie dann aber mit viel Weiß durch die zunehmende Blässe, die dem Gelb die Energie raubt.

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Blau: kalt und konzentrisch

Blau bewegt sich von den Betrachtenden weg, hin zum eigenen Zentrum. Es scheint sich zu entfernen bis hin zur Unendlichkeit und kann daher auch übersinnlich wirken. Es neigt zur Vertiefung und lässt sich bis fast ins Schwarze konzentrieren.

Blau mit Verlauf

Blau wirkt im positiven Sinn und im Gegensatz zu Gelb beruhigend und ernsthaft seriös und wird daher auch oft mit Vertrauen oder Treue in Verbindung gebracht. Es hat wenig Signalwirkung, sondern ist eher unauffällig.

Negativ betrachtet ist es stark in sich zurückgezogen und wirkt in seiner Kälte unnahbar. Je dunkler, desto tiefer und schwerer wirkt es, so dass ein sehr dunkles Blau, bezogen auf den menschlichen Gemütszustand, melancholisch wird.

Ein mit Weiß aufgehelltes Blau erscheint hingegen frisch, aber auch indifferent, so als würde es sich verflüchtigen und auflösen.

Autorenteam: Monika Heimann und Michael Schütz

Monika Heimann & Michael Schütz

Monika Heimann war viele Jahre als Artdirektorin im Mediendesign in verschiedenen Werbeagenturen und Filmproduktionen tätig. Heute beschäftigt sie sich mit Visual Thinking in Forschung und Kreation, Kunst, Illustration und Design.
Michael Schütz ist Psychologe mit dem Schwerpunkt Markt- und Werbepsychologie. Er arbeitet seit 1995 in der psychologischen Kultur-, Markt- und Medienforschung. Heute beschäftigt er sich v. a. mit kunst- und designpsychologischen Forschungsthemen.
 
Mehr über das interdisziplinäre Autorenteam erfahren Sie auf der Seite ihrer Forschungs- und Kreativagentur INNCH – innovation guided by research.

Rot: warm und konzentrisch

Rot wirkt in positiver Hinsicht sehr lebendig und dynamisch, aber nicht so leichtsinnig wie Gelb, sondern die starke warme Energie richtet sich scheinbar nach innen, wie ein inneres Glühen. Dadurch scheint es die warme Energie in sich hineinzuziehen, wirkt also im übertragenen Sinn anziehend (erotisch) und fesselt den Blick. Das gibt der Farbe Rot auch einen starken Angebotscharakter. Es scheint sich bei der Wärme von Rot auch um eine wohligere, weichere Wärme zu handeln als die eher grelle, brennende Wärme von Gelb.

Rot mit Verlauf

Durch Beimischung von Gelb bekommt es mehr Strahlkraft nach außen und wirkt wie ein entschlossenes, triumphierendes Streben, aber ohne den Hang zum Wahnsinn des Gelbs. Die Wärmedimension verleiht dem Rot im Vergleich zum ebenfalls konzentrischen Blau mehr Leidenschaft als Gemütszustand, die bei einem grellen Rot aber auch im negativen Sinn unruhig bis aggressiv und kämpferisch wirken kann.

Als konzentrische, warme Farbe wirkt es im wahrsten Sinne des Wortes impulsiv verglichen mit dem Explosiven des Gelbs. Mit Blau abgekühlt verliert das Rot an Aktivität. Aber auch dann wirkt es eher wie nur vorübergehend zurückgezogen, so als würde die Kraft auf der Lauer liegen, um jederzeit wieder auszubrechen.

Beimischung von Schwarz löscht die Glut des Rots. Es wird stumpf, hart und unbeweglich. Von der Glut bleibt nur noch ein Brodeln, das jedoch wie die Ruhe vor dem Sturm wirkt. Mischt man Weiß hinzu, Richtung Rosa, verändert Rot seinen Charakter hin zu mehr Strahlkraft. Der Effekt ist besonders stark im Vergleich zur Beimischung von Weiß bei den anderen Farben, so dass man Rosa mitunter als eigenständige Farbe empfindet. Es wirkt jugendlich, frisch, gewinnt an Körperlichkeit, Lieblichkeit und Süße. Ein sehr helles Rosa wirkt jedoch auch zart und verletzlich.

 

📖 Mehr zu den Mischfarben erster Ordnung (Grün, Orange, Violett), zur Mischfarbe zweiter Ordnung (Braun) sowie zu Nichtfarben (Weiß, Schwarz, Grau) erfahren Sie im Buch »Wie Design wirkt« von Monika Heimann und Michael Schütz.

Die Texte und Abbildungen auf dieser Seite stammen aus dem Buch »Wie Design wirkt – Psychologische Prinzipien erfolgreicher Gestaltung«.

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