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Zeichnung eines Mannes mit Stift in der Hand

Zeichnen lernen: von der Kontur zur fertigen Zeichnung

Gute Zeichnungen entstehen nicht durch Talent allein – sie entstehen, indem Sie Objekte genau betrachten, Konturen erkennen und während des Zeichnens strukturiert vorgehen.

In diesem Artikel gibt Ihnen der Illustrator Peter Hoffmann die wichtigsten Grundlagen des Zeichnens an die Hand: von der richtigen Sitzposition vor dem Motiv über den Blick für Formen und Details bis zu einer konkreten Übung. Die Profi-Tipps helfen Ihnen, Ihre zeichnerischen Fähigkeiten zu trainieren und so zu noch besseren Ergebnissen zu kommen.

Der grundlegende Zeichenprozess

Der Ablauf beim Zeichnen ist trügerisch einfach erklärt. Es gilt, eine Kontur zu sehen, die Kontur im Gedächtnis zu behalten und die Kontur so authentisch wie möglich auf das Papier zu übertragen. Diese Abfolge sollte ökonomisch und effizient stattfinden. Dabei hilft es meist, den Stift bewusst auf dem Papier zu lassen und so oft es geht zwischen Motiv und Linie hin- und herzusehen.

Verschiedene Stadien eines gezeichneten Knoblauchs

Genau hinzusehen zahlt sich aus

Eine gute Regel für diesen Ablauf ist, mindestens genauso oft und lange auf das Objekt zu schauen wie auf Ihr Zeichenblatt. Verbringen Sie also nicht zu viel Zeit damit, zu radieren und neu zu zeichnen, ohne Ihre Linien mit dem vor Ihnen liegenden Objekt zu vergleichen. Vergewissern Sie sich lieber mit einem Blick, ob Sie richtig liegen, und zeichnen Sie im Falle eines Fehlers am besten eine neue Linie.

So simpel dieser Ablauf scheint – er ist ebenso schwer zu meistern. Ich selbst übe heute noch daran. Wenn es allerdings gut läuft, entsteht beim Zeichnen ein Gefühl des Fließens.

Setzen Sie sich zentral vor das Objekt

Zeichnung eines zeichnenden Mannes vor einem Knoblauch

Um den just erwähnten Fluss so wenig wie möglich zu unterbrechen, ist es sehr empfehlenswert, sich zentriert vor das Motiv zu setzen. Legen Sie das Zeichenpapier anschließend ebenfalls mittig vor sich.

Eine solche Ausrichtung ist gar nicht so selbstverständlich, wie es sich anhört. Immer wieder sehe ich Zeichner, die mit dem Blatt neben sich und dem Motiv auf der anderen Seite arbeiten. Auf diese Weise zu zeichnen bedeutet nicht nur, ständig den Kopf bewegen zu müssen, sondern es erschwert auch, Konturen im richtigen Verhältnis zum Format auf das Blatt übertragen zu können.

Das liegt daran, dass das Zeichenblatt im Grunde die Bildebene repräsentiert, die beim Hinsehen parallel zu Ihrem Gesichtsfeld zwischen Ihnen und dem Motiv liegt. Je unkomplizierter Sie diese Übertragung gestalten, desto besser werden Ihre Zeichnungen.

Autor Peter Hoffmann

Peter Hoffmann

Peter Hoffmann ist studierter Kommunikationsdesigner und Illustrator. Nach dem Studium hat er sich in Köln selbstständig gemacht, zunächst im Rahmen einer Agentur, dann seit 2005 als Freelancer für Magazine, Bands, Fernsehsender und diverse Studios. Er hat diverse Auszeichnungen erhalten, u. a. den Red Dot Award »Best of Communication Design«. Seit 2011 liegt der Schwerpunkt seiner Arbeit in der Illustration. Für seine Bilder kombiniert er Tusche, Bleistift, Aquarell, grafische Elemente und digitale Techniken. Mehr über seine Arbeit erfahren Sie auf Peter Hoffmanns Website.

Schauen Sie genau hin

Wie eingangs beschrieben lohnt es sich sehr, genau hinsehen zu können. Entwickeln Sie also die Ambition, visuell »mehr« aufzunehmen als der oberflächliche Betrachter. Das können kleine, fast unmerkliche Details sein, aber auch subtile Änderungen in einem Kurvenverlauf und differenzierte Nuancen in der Verteilung von Hell und Dunkel. Sie werden feststellen, dass sich Ihre Wahrnehmung auch in anderen Lebensbereichen dadurch schärft.

Gezeichneter Knoblauch in unterschiedlichen Zeichenstadien
Oben links: Details. Unten (v. l. n. r): differenzierte Konturen, konkrete Formen, Grundformen.

Zeichnen Sie Formen so konkret wie möglich

Versuchen Sie, jede einzelne Form in Ihrer Zeichnung möglichst eindeutig zu beschreiben. Dabei hilft die Erkenntnis, dass Konturen eigentlich Flächen repräsentieren, die in der Natur lückenlos aufeinanderstoßen. In diesem Punkt gibt es bei näherem Hinsehen keine Ausnahmen.

Auch vermeintlich diffuse Schatten, Falten und Reflexionen haben meist wahrnehmbare Umrisse, die sich zeichnerisch erfassen lassen und die zur Qualität Ihrer zeichnerischen Umsetzung beitragen. Gut erkennbar sind konkrete Formen zum Beispiel bei reflektierenden Chromoberflächen, aber bei genauer Betrachtung können Sie überall in der Natur festumrissene Flächen entdecken.

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Von der Grundform zu den Details

Ein häufig auftretendes Problem beim Zeichnen von Konturen ist, eine Kleinigkeit an die nächste zu addieren und das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren. Spätestens bei einem Baum ist es unmöglich, jedes einzelne Blatt zu zeichnen, auch wenn Sie sich sehr gut konzentrieren können. In diesen Fällen empfehle ich, vom »Einfachen« zum »Komplizierten« zu arbeiten.

Zeichnen Sie zunächst die drei oder vier größten Formen. Diese Grundformen können Sie dann weiter unterteilen und immer detaillierter ausarbeiten. Wichtig ist dabei, an allen Stationen jeweils zurückzutreten und nicht weiterzuarbeiten, bevor der jeweilige Zwischenstand nicht überzeugend dargestellt ist. Fehler in der Vorzeichnung sind bei fortschreitender Zeichnung immer schwerer zu berichtigen und der innere Widerstand dagegen wird auch nicht geringer.

Grundform eines gezeichneten Mannes mit Gitarre
Detailliertere Flächen eines gezeichneten Mannes mit Gitarre

Faustregel: maximal fünf große Formen

Hin und wieder höre ich von der Theorie, dass unsere visuelle Wahrnehmung nicht mehr als fünf große, zusammenhängende Formen gleichzeitig verarbeiten kann. Die zugrundeliegende Psychologie kann ich nicht beurteilen, aber beim Zeichnen stellt diese Zahl in der Tat eine gute Faustregel dar. Fragen Sie sich bei komplexen Motiven, zum Beispiel bei Landschaften, welche die größten Formen im aktuellen Ausschnitt sind, und zeichnen Sie diese grob vor.

Mit dieser praktischen und konkreten Anleitung können Sie sich die Möglichkeiten der digitalen Illustration selbst erschließen. Konkrete Tutorials wechseln ab mit Erklärungen zu Gestaltungsprinzipien, Bildgestaltung, Planung, Skizzen und der Reinzeichnung. Der Autor Peter Hoffmann hat das Buch »Digitale Illustration« selbst gestaltet, gelayoutet und illustriert. Freuen Sie sich darauf!
Gezeichnete Streibwaren

Übung: Linien zeichnen

Nun geht es los! Für diese Übung benötigen Sie nicht sonderlich viele Materialien. Besorgen Sie sich ein paar stabile Zeichenkartons mit einer nicht zu rauen Oberfläche, einen Radiergummi, einen Spitzer und einen Bleistift in der Härte 2B.

Nehmen Sie keine Papierformate, die wesentlich kleiner als A3 sind, falls Sie ehrgeizig sind, zeichnen Sie in der Größe A2. Mit etwas Mut und Erfahrung können Sie den Radiergummi und den Spitzer auch von der Einkaufsliste streichen und statt des Bleistifts einen Fineliner nehmen.

Nehmen Sie sich Zeit fürs Sehen und Zeichnen

Zerknüllen oder falten Sie ein schlichtes A4-Blatt Druckerpapier, und zwar so, dass sich eine interessante Form ergibt. Schon haben Sie das Objekt für die Übung. Zeichnen Sie nun, was vor Ihnen liegt, und zwar ganz in Ruhe – nehmen Sie sich am liebsten zwei Stunden Zeit dafür. Achten Sie auf die Flächen, die sich durch die vielfältigen Knicke ergeben, und zeichnen Sie möglichst exakt und detailliert. Vielleicht stellen Sie dabei fest: Es kann beruhigend sein, sich eine Weile nur auf das Folgen und Dokumentieren von Konturen zu konzentrieren.

Zerknülltes Blatt Papier
Dieses zerknüllte Blatt bietet einiges für das Auge: kleine und große Flächen, zudem eine abwechslungsreiche Silhouette.

Bei dieser Übung ist es nicht wichtig, eine interessante Strichführung erzeugen zu wollen oder besonders ansprechende Kompositionen anzulegen. Übertragen Sie einfach, was Sie sehen, und versuchen Sie, den Überblick bei den vielen Details zu behalten. Zeichnen Sie groß!

Füllen Sie das Zeichenblatt so, dass das Motiv mittig und präsent im Format liegt. Auch auf Schraffuren können Sie zunächst verzichten. Sie werden sehen: Allein durch das Folgen von Linien können Sie eine grafisch interessante Arbeit erstellen. Hier nochmal eine Zusammenfassung der bisherigen Tipps.

Checkliste zur fertigen Zeichnung

  1. Haben Sie versucht, beim Zeichnen flüssig zwischen Objekt und Zeichnung hin- und herzuschauen?
  2. Haben Sie mittig vor dem Objekt und der Zeichnung gesessen?
  3. Haben Sie groß gezeichnet und das Format entsprechend genutzt?
  4. Haben Sie genau hingesehen und versucht, kleine Details zu zeichnen?
  5. Haben Sie exakte Flächen gezeichnet?
  6. Haben Sie zunächst die grobe Form gezeichnet und haben Sie diese dann immer detaillierter ausgearbeitet?

Bei dieser Übung entstehen selten Zeichnungen, die auch schon gleich als Geschenk taugen. Falls das doch der Fall ist, gratuliere ich selbstverständlich von Herzen. Bedeutsamer ist allerdings, die Aufgabe als essenzielle Übung zu begreifen, Konturen sehen und zeichnerisch umsetzen zu können. Sollte Ihr Ergebnis einige der Kriterien in Ihren Augen nicht erfüllen, wiederholen Sie die Aufgabe am besten noch einmal nach einer Pause.

Zeichnung des zerknüllten Blattes Papier
Das Ergebnis: eine Art Landkarte Ihrer Wahrnehmung. Mit einigen zusätzlichen Strichstärken-Unterschieden und schraffierten Flächen könnte man nun eine sehr plastische Zeichnung erstellen.

Die Texte, Bilder und Illustrationen auf dieser Seite stammen aus dem Buch »Digitale Illustration – Das umfassende Handbuch« von Peter Hoffmann.

Noch mehr kostenloses Know-how

Sie möchten wissen, wie Farben unsere Wahrnehmung und Emotionen beeinflussen? Dann lesen Sie gerne unseren Artikel »Farbpsychologie verstehen«. Wie überraschende Ideen mit KI entstehen, erfahren Sie auf unserer Seite zur Assoziationstechnik mit KI. Wenn Sie mit dem Fotografieren beginnen möchten, ist unser Artikel »Fotografieren lernen: 7 praktische Tipps für Anfänger« das Richtige für Sie.

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